Zwillinge vergleichen: die eingebaute Konkurrenz

Zwillinge vergleichen: die eingebaute Konkurrenz

Während der Grundschuljahre von Max und Lia gab es einen Tag im Jahr, den wir als Eltern wirklich fürchteten: den Zeugnistag. Beide bekamen gute Noten, aber die von Max waren immer besser. Und das, obwohl sich Lia mehr anstrengte. Mir blutete jedes Mal das Herz als Mutter.

Zwillinge bekommen die Konkurrenz bei der Geburt sozusagen mitgeliefert. Die Umwelt vergleicht sie unwillkürlich und das vom ersten Atemzug an. Welches Baby dreht sich zuerst auf den Rücken? Wer läuft zuerst? Wer kann schon sprechen?

Max hat seine ersten Schritte mit neun Monaten gemacht, Lia erst mit 13 Monaten, ebenso wie Johanna, ihre ältere Schwester. Aber während wir bei Johanna einfach ganz entspannt zugesehen haben, wie sie neue Dinge dazu lernte und sich in ihrem ganz eigenen Tempo zu einem aufgeweckten und fröhlichen Kind entwickelte, schaute Lia ihrem mobilen Bruder unglücklich hinterher. Wir versuchten,als Eltern gegen zu steuern und die Kinder immer individuell zu betrachten, aber die Umwelt und auch die Zwillinge selber sorgten dafür, das der Vergleich in vielen Situationen präsent war.

Was kann man tun, um Zwillinge nicht automatisch immer miteinander zu vergleichen?

  • der erste Schritt ist damit getan, dass man sich das Problem bewusst macht und sich immer wieder klar macht, dass jedes der beiden Kinder ein Recht darauf hat, als Individuum wahrgenommen zu werden
  • Wir gewöhnten uns an, nicht mehr von „den Zwillingen“ sondern von Max und Lia zu reden
  • Nach meiner Erfahrung kann die Umwelt (Verwandte, mehr aber noch Leute auf der Straße, die man eigentlich kaum kennt) erstaunlich unsensibel sein: „Was, du brauchst immer noch einen Schnuller? Deine Schwester ist ist halt schon viel größer als du!“ Da kann man als Mutter oder Vater nur versuchen, gegen zu steuern – und höflich zu bleiben…
  • Wir versuchten, ganz gezielt die Stärken jedes der beiden Kinder zu sehen – und mit ihnen darüber zu reden. Wir hofften, dass das einen Ausgleich zu den negativen Vergleichen, die immer wieder mal kamen, zu schaffen und das Selbstbewusstsein von Max und Lia zu stärken
  • Die Tränen am Zeugnistag konnten wir nicht vermeiden – zu unmittelbar und zu messbar war der Vergleich und auch die Hinweise auf Lias Stärken waren in diesem Moment für sie kein Trost. Ob unser Credo, dass Noten für uns nicht wichtig sind, sondern die Anstrengung und Mühe, die wir bei den Kindern sehen, geholfen haben, wissen wir nicht.

Ich denke, bei zweieiigen Zwillingen (und noch mehr bei einer Kombination Junge – Mädchen) ist das Problem nicht so unmittelbar wie vielleicht bei eineiigen Zwillingen. Max und Lia haben heute (mit fast 14 Jahren) eher eine Beziehung wie ein ganz normales Geschwisterpaar. Ihre Freundeskreise überschneiden sich kaum noch und sie haben unterschiedliche Hobbys. Max ist einen guten Kopf größer als Lia und kaum jemand kommt noch auf die Idee, die beiden zu vergleichen. Und ganz am Rande: auch der Zeugnistag ist inzwischen kein Problem mehr!

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